Coaching als angewandte Philosophie: Heraklit, Sokrates & Co.

Was sagt Heraklit, der „Dunkle“?
Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, das Festklammern an Vergangenheiten ist sinnlos vor dem Hintergrund stetiger Veränderung. Sein Panta Rhei, alles fließt, ist ein Weckruf. Es heißt nichts weniger, als die eigene Existenz im Licht des Zeitenflusses zu sehen. Die Zeit als Voraussetzung für Existenz. Gut dialektisch ist das Sein nur denkbar, sofern es das Nichts als Gegenstück hat. Während das Nichts zeitlos ist, wird das Sein durch die (begrenzte) Dauer gekennzeichnet. Sein ist nur in der Zeit möglich (Heidegger baut darauf seine Philosophie). Für das Coaching bedeutet das zweierlei: Dem Vergangenen und Verlorenen nicht hinterherzutrauern. Und die Zeit zu nutzen.
Ein Klient berichtet, dass er sich in seinem Job wie gelähmt fühlt. Er will wechseln, beruflich etwas ganz anderes machen und kommt zum Coaching mit der Fragstellung, wie er eine neue, erfüllende berufliche Aufgabe finden könnte. Gleichzeitig tut er alles dafür, in seinem alten Job zu bleiben, wie seine Abwehr von Vorschlägen, Ideen und der Einladung zum gemeinsamen Brainstorming zeigt. Nach einer Lehre als Schreiner, die ihn nicht ausfüllte, sondern eher langweilte, bildete er sich zum Architekt weiter. Mittlerweile arbeitet er als Architekt in seinem vermeintlichen Traumberuf, der ihn aber aus unerfindlichen Gründen ebenfalls nicht ausfüllt. Er spürt, dass er endlich eine von Grund auf gute, nützliche, sinnvolle Tätigkeit ausüben will. Er möchte diesen Wunsch mit seinem Beruf verbinden, und zum Beispiel ökologisch innovative Holzhäuser mit guter Energie-Bilanz bauen. Er weiß, dass Architektur-Büros existieren, die auf solche Bauten spezialisiert sind, traut sich aber nicht, sich dort zu bewerben. Zu groß, fürchtet er, könnte das Unverständnis seiner Umwelt sein, dass er einen gut bezahlten, soliden Job aufgibt, um einem Ideal hinterherzujagen. Schuster bleib bei deinen Leisten, lautet seit jeher das Motto seiner braven Familie. Sie fürchtet, es werde ihm wie Hans im Glück ergehen. Statt dem Goldklumpen nur die schäbige Gans. Stärker als die Hoffnung auf einen Neustart wiegt die tiefe Angst, ein existenzielles Risiko einzugehen.
Diesem Klienten könnte Heraklit helfen. Er könnte wie folgt zu ihm sprechen: „Die Gedanken an Veränderung sind schon in deinen Geist gepflanzt. Du kannst Entwicklungen hinauszögern, abbremsen, besser oder schlechter planen und kommunizieren – verhindern kannst du sie nicht. Und wenn doch, dann zu einem Preis, den du nicht wirst zahlen wollen. Denn du hast schon Blut geleckt. Die Idee einer Veränderungsmöglichkeit hat sich dir ja schon offenbart. Statisch ist nichts, alles verändert sich.“ Mit anderen Worten: Vor dem Hintergrund unserer vergänglichen und äußerst volatilen Existenz hat es wenig Sinn, sich gegen einen inneren Drang nach Veränderung und Erneuerung zu sträuben. Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Das Panta Rhei aufhalten zu wollen ist ein zuweilen heroischer, aber nichts desto weniger verzweifelt sinnloser Akt. Als Coach öffnen wir mit Heraklit dem Klienten die Augen auf einen gewissermaßen überzeitlichen Horizont. Wir machen klar, dass sein Impuls nach Veränderung eine Existenzberechtigung hat. Darauf können wir mit Abwägungs- und Rationalisierungsarbeiten aufsetzen, sprich die Umsetzung planen.

Oder der Fall Sokrates
Zwei Dinge fallen uns spontan zu Sokrates ein: Zum einen sein berühmter Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und zum anderen seine Methode der Gesprächsführung, die Mäoitik oder Hebammenkunst. Über beides wissen wir von Platon. In der Apologie lässt er Sokrates sich seinen Anklägern gegenüber damit verteidigen, dass er von der Delphischen Seherin Pythia berichtet. Diese habe behauptet, so Sokrates, er sei der Weiseste unter allen Athenern. Sokrates selbst empfindet sich als mittelschlau. Nicht weniger weise, aber auch nicht mehr als zahlreiche seiner Landsleute. Bis ihm die Erleuchtung kommt, wie Pythia ihren Orakelspruch gemeint haben könnte: Während die vielen sehr weisen Männer, die Athen hervorgebracht hat, stets auch in der Gewissheit lebten, sehr weise zu sein, erwiesen sie sich als recht dumm. Denn gemessen an der absoluten Menge des Weltwissens, die der Maßstab für viel oder wenig Weisheit wäre, wussten sie herzlich wenig. Sokrates hingegen weiß, dass er kleines Menschlein im Verhältnis zu den Wissensmöglichkeiten so gut wie nichts weiß. „Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als die übrigen Athener, dass ich auch nicht glaube zu wissen, was ich nicht weiß.“ Er tritt als Schüler auf, gar nicht als Lehrer. Er tut so, als wolle er belehrt werden und nicht belehren. Am Ende belehrt er gerade dadurch. Ich weiß, dass ich nichts weiß ist die Haltung des Coachs und die zentrale Voraussetzung, glaubwürdig Fragen zu stellen. Das Wort Kunde kommt von Kenntnis, unser Kunde weiß Bescheid. Wie Sokrates nähern wir uns ihm, indem wir fragen. Wie der Vater der Philosophie sehen wir in der Methode des geduldigen Fragens und beständigen Hinterfragens einen Weg zur Erforschung von Gegebenheiten, Sachverhalten und Zusammenhängen. Es verhält sich wie in der modernen Wissenschaft: Am Anfang jeder Erkenntnis steht der Zweifel und die Frage. Machen wir Ernst mit Sokrates, erheben wir das Fragen über die Methode hinaus zur Kunst.
Denn für seine Fragetechnik, oder besser seine Fragekunst, war Sokrates berühmt – und berüchtigt. Als Hebammenkunst bezeichnet er sie selbst im platonischen Dialog Theaitetos. Sokrates berichtet seinem Gesprächspartner Theaitetos gleich zu Anfang, der Sohn einer berühmten Hebamme zu sein und nennt eine Reihe von Parallelen zwischen dem Handwerk seiner Mutter und seiner philosophischen Methode. Von dieser gelte alles, was auch von jener gelte mit dem Unterschied, dass Sokrates Männern Geburtshilfe leiste und nicht Frauen und, wichtiger als diese geschichtsbedingte Geschlechterdiskriminierung: Seine Philosophie trage Verantwortung für die gebärenden Seelen, nicht für die Leiber. Seine Kunst sorge dafür, dass die Seele des Jünglings nichts Missgestaltetes und Falsches, sondern Gebildetes und Echtes hervorbringe. Was er dann, seine Methode weiter umschreibend, ausführt, klingt wie eine sehr frühe und sehr reife Definition von Coaching: Er gebäre, wie die Hebammen, nicht selber. Was viele Mitbürger ihm zum Vorwurf machten, sei wahr: Er frage zwar, antworte seinerseits aber nie, weil er nichts Kluges zu antworten wisse. Es sei nun mal sein Beruf, geistig-seelische Geburtshilfe zu leisten, nicht aber, selber Geistiges zu gebären. Alle, die mit dieser Geburtshilfe zu tun hätten, machten bei fortgesetzter Übung, wie sie selbst und ihre Umgebung feststellten, wunderbare Fortschritte, ohne je wirklich etwas vom Meister zu lernen. Allein aus sich selbst heraus entdeckten sie „viel Schönes und halten es fest“. Seine Hebammenkunst sei in der Lage, Wehen zu erregen und Wehen zu stillen und wenn er merke, dass einer gar nicht wirklich schwanger sei, so werde er auch nicht tätig, sondern betätige sich allenfalls als Brautwerber, damit eine Schwangerschaft dereinst herbeigeführt werden könne.
Das ersetzt in Gestalt eines Gleichnisses Kiloweise Coaching-Literatur.

Nichts geht ohne Platon
Wofür steht Sokrates’ berühmtester Schüler Platon? Richtig, für die Ideenlehre, die zum Idealismus gemendelt den Lauf der Jahrhunderte überlebte, ex negativo den Marxismus maßgeblich beeinflusste und so bis in unsere Zeit reicht. Das bekannte Höhlengleichnis fasst die in Platons Schriften an den verschiedensten Stellen verstreut zu findenden Gedanken der Ideenlehre in einem wunderbar eingängigen Bild zusammen. Stellen wir uns an Händen und Füßen gefesselte Gefangene in einer unterirdischen dunklen Höhle vor. Sie können nur nach vorn auf die Höhlenwand starren und den Kopf nicht umwenden. Die einzige Lichtquelle in der Höhle ist ein Feuer, das hinter ihnen brennt und dessen Schein sie lediglich sehen. Zwischen dem Rücken der Gefangenen und dem Feuer tragen nun Menschen verschiedene Gefäße, Bildsäulen und Gegenstände durch die Höhle. Deren Abbilder sehen die Gefangenen wie in einem Schattentheater an die Höhlenwand vor ihnen projiziert. Notwendigerweise erachten sie diese Schatten nicht als Abbilder, die sie sind, sondern als die Dinge an sich, als Wahrheiten. Was nun, wenn einer der Gefangen von seinen Fesseln befreit würde und sich umdrehen könnte? Er sähe zum einen direkt in den Schein des Feuers, der ihn blenden würde und zum anderen müsste er erkennen, dass er bisher nur die Schattenrisse der wirklichen Dinge sah. Wenn man ihn dann auch noch zwänge, die Höhle ganz zu verlassen und dem Tageslicht, der Sonne entgegen aus der Höhle aufzusteigen, wäre das eine überwältigende Erfahrung und ziemliche Qual für ihn. Nach einer Zeit der Gewöhnung allerdings, wenn das Licht weniger schmerzt und seine Augen sich an die neuen Verhältnisse gewöhnt haben, er nicht wieder in die Höhle hinabsteigen wollen. Wenn er es dennoch täte und seinen früheren Mitgefangenen von seinen Erlebnissen und seiner neuen Erkenntnis erzählte, würden sie ihn auslachen und für wahnsinnig halten. Zwischen dem der Erkenntnis erlangt und sich bemüht hat, hinter den Abbildern die Idee, das eigentliche Wesen der Dinge, Zustände, Zusammenhänge zu entdecken und den gefesselten Unwissenden ist keine Vermittlung möglich. Schlimmstenfalls wird sich der Ex-Häftling nach seinem Aufstieg ans Licht andere Freunde suchen müssen.
Was heißt diese Geschichte für das Coaching? What you see is not always what you get. Es lohnt sich, Oberfläche und Tiefenstruktur zu unterscheiden und nach den Dingen hinter den Dingen zu forschen: Im Beruf, in der Partnerschaft und Familie, unter Freunden, bei seinen Hobbies, Neigungen und Interessen, ja letztlich beim Blick aufs eigene Leben insgesamt. Was ist das Wesen, Eidos, der Dinge? Die tiefere Struktur und Bedeutung erkennen zu wollen (wem das Wort Wahrheit zu groß ist, kann vielleicht Wahrhaftigkeit oder Stimmigkeit einsetzen), ist ein lohnenswertes Ziel. Man wird seine Welt und sein Leben anders sehen und anders bewerten als vorher. Es kann natürlich sein, dass man durch diesen Prozess auch persönlich ein anderer wird. Für seine Umwelt erscheint man verblendet, ver-rückt, obwohl wir mit Platon wissen, dass es umgekehrt ist. Fazit: (Selbst-)Erkenntnis ist schön, macht aber viel Arbeit und vielleicht – vorrübergehend – einsam. Von Platons Lehrer Sokrates wissen wir allerdings auch, dass wir uns selbst erkennen müssen, wenn wir ein „gutes“ Leben zum Ziel haben.

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Falk Schornstheimer

Über dieses Blog

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Auf diese Spurensuche begibt sich dieses Blog. Die Absicht ist: Heterogenes auf Zusammenhänge zu befragen, sich zu verirren, um etwas Unverhofftes zu finden, Umwege zu machen, um anzukommen, ins Gegenlicht zu blinzeln, um Konturen besser wahrnehmen zu können.
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