Emmanuel Levinas antwortet Heidegger

Der Schriftsteller Hartmut Lange schreibt in seinen autobiografischen Auskünften mit dem schönen Titel „Irrtum als Erkenntnis“ wie ihn eines Tages aus heiterem Himmel das Pascalsche Erschrecken anfiel. Der französische Philosoph Blaise Pascal (1623 bis 1662) hatte nach Jahren mathematischer und naturwissenschaftlicher Studien sein Erschaudern eingestanden beim Gedanken an die Winzigkeit und Vergänglichkeit seiner Person angesichts der Ewigkeit.
Die deutsche Volksüberlieferung „Ich komm, weiß nit woher, ich bleib, weiß nit wie lang, ich geh, weiß nit wohin, mich wundert, dass ich so fröhlich bin“ steigerte sich bei Blaise Pascale zum typisch barocken Vanitas-Gefühl: „Bedenke ich die kurze Dauer meines Lebens, aufgezehrt von der Ewigkeit vorher und nachher, bedenke ich das bisschen Raum, den ich einnehme […] dann erschaudre ich und staune, dass ich hier und nicht dort bin, weshalb jetzt und nicht dann. Wer hat mich hier eingesetzt? […] Denn was ist zum Schluss der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All.“
Jahrhunderte lang wurde dieses Erschrecken durch den festen Glauben an Gott in Zaum gehalten. Bei Pascal beginnt die Wirkung nachzulassen. Damit bündelt Pascal eine ontologische Tradition der Philosophie und treibt sie gleichsam auf die Spitze, indem er jegliches Jenseits-Denken, jede Schicksals- und Vorsehungsidee, jeden Absolutheits- oder Gottesglauben erst einmal ausklammert. Er rettet sich nicht in die Annahme, da es ihn in seiner Zeit an seinem Ort gebe, werde es damit schon seine (göttliche) Richtigkeit haben, sondern er formuliert eine erste nackte Kontingenz-Erfahrung: Ist es nicht reiner Zufall, dass ich hier und jetzt bin, ja überhaupt bin?
Über Kierkegaard und Nietzsches verdichtet sich diese Diagnose im Laufe der Philosophiegeschichte bis zu Heidegger und den französischen Exitenzialisten. Mit Nietzsches Diagnose vom Tod Gottes rutscht das christliche Fundament des Abendlandes buchstäblich weg. Der Marxismus kann nur eine Zeitlang und sehr begrenzt eine Ersatzfunktion übernehmen, so auch für den Autor Hartmut Lange, wie er sich eingestehen muss. Doch am Ende und auf Dauer erwächst auch aus der materialistischen Teleologie kein Trost. Die Einsicht in die vollständige Willkürlichkeit und Zufälligkeit unseres Auf-der-Welt-Seins einerseits und zum anderen die Angst vor der Erkenntnis unserer Endlichkeit werden zu mächtigen Themen im 20. Jahrhundert.
Das Amalgam aus Kontingenzerfahrung und Finalitätsdenken sind seither das typisches Lebensgefühl der Moderne. Die Angst (vor beidem) wurde gemeinhin als Schwäche gedeutet, ihr galt es sich zu widersetzen – auch ganz konkret zu Propaganda- und Manipulationszwecken in den großen Kriegen des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Martin Heidegger war es, der schließlich den Mut zur Angst forderte. Der Autor Hartmut Lange kommt folgerichtig in seinem Text von Pascal übergangslos auf Heidegger zu sprechen, dessen Philosophie gleichsam die maximale Steigerungsmöglichkeit des Pacalschen Schreckens formuliert. In Sein und Zeit fragt er nach dem Sinn von Sein und kommt zu der Antwort, dass dieser in der Zeit liege. Die Zeit ist der Sinn von Sein. Sein ist also keine Entität sondern ein Vorgang, ein Ereignis, ein Geschehen. Indem Zeit vergeht, ereignet sich Sein.
Der große Horizont, der das verantwortet, aber auch ermöglicht, dasjenige wodurch Sein überhaupt „ist“ und was zugleich drohend und unleugbar in das Dasein hineinragt, ist der Tod. Wir Menschen sind also von unserer Geburt an, wie Heidegger es nennt, „zum Tode“ – verurteilt könnte man mit Gabriel Marcel ergänzen. Unabhängig davon, welche Wendungen Heideggers Seins-Philosophie im Einzelnen nimmt (auch sie bietet Lösungsvorschläge, ist nicht nur als Schock, sondern auch als Tröstung angelegt): Die Erkenntnis des Seins und unseres In-der-Welt-Seins als eines zum Tode ist einerseits banal, aber doch in ihrer Konsequenz und mit ihren Begleiterscheinungen, nämlich der Sorge und der Angst, ein dramatisches Fanal. Heidegger kleidet das Pascalsche Erschrecken zeitgenössisch ein. Der Tod strukturiert das Dasein, verleiht ihm einen Horizont, vor dem ich tätig werden muss. Diese Einsicht gelingt allerdings nicht über das Nachdenken, die nüchterne rationale Anstrengung, sondern nur, indem ich den Imperativ des Todes mittels eines Angstgefühls erfahre. So kann ich ihn ernst nehmen. Jenseits der akademischen philosophischen Exegese steht die Chiffre Heidegger, gerade in dem Maße, wie seine Gedanken in der französischen Existenzphilosophie von Sartre und Camus aufgingen, für die nüchterne Erkenntnis dieser Art des Ausgesetztseins. In die Existenz geworfen, davor und danach einer unbekannten Unendlichkeit überantwortet, sieden wir armen Würstchen in einem riesigen Eintopf. Gott ist als Retter verlorengegangen. Woran halten wir uns nun? Gibt es eine Antwort auf die Seinsfrage?

Emmanuel Levinas antwortet auf Heidegger

Einen der faszinierendsten Beiträge in der Auseinandersetzung mit Heidegger bietet Emmanuel Levinas. Diese – lebenslange – Auseinandersetzung des französischen Philosophen litauischer Herkunft mit seinem deutschen Vorbild und Antagonisten hat den besonderen Charme, nicht auf eine schlichte Ablehnung oder Widerlegung hinauszulaufen.
Levinas ist selber zunächst Anhänger der Heideggerschen Philosophie und bewundert Sein und Zeit zutiefst. Er nimmt Heideggers Denken ernst; allerdings stellt er einen Mangel fest: In Heideggers Fundamentalontologie bleibt das ethische Verhältnis zum Anderen auf der Strecke. Eine Feststellung, die übrigens auch der Heidegger Exeget Georges Steiner teilt: In der Analyse scharf und unnachsichtig fehlt in Heideggers Werk in der Tat die Ethik. Bewundert Levinas also die phänomenologische Analytik aus Sein und Zeit, weichen seine Antworten auf die zentralen Fragen jedoch vom Vorbild ab. Zeit ist nicht das, worin sich das Sein ereignet, sagt er, sondern Zeit ist das Verhältnis zum anderen. Der Gegenstand wechselt somit. Von der Existenz richtet sich Levinas‘ Blick auf die Existierenden. Der oder die Anderen werden dem Selbst dabei zu Stützen, zu Hilfen, sich dem Drängen des Seins entgegenzustemmen.
Das einzelne Seiende, also „Ich“, steht auf einem Fundament, das jetzt nicht mehr von Religion und Gott gebildet wird, sondern von anderen Existierenden: Freunden, Nachbarn, Kollegen, Geliebten, Ehemännern und -frauen, und ganz besonders wichtig: Nachkommen. Die für Levinas zentralen Begriffe der Liebe (früher Levinas) und Verantwortung (später Levinas) bahnen den Weg zum Anderen. Und das über den Tod hinaus, denn die Bewegung zu diesen anderen hin transzendiert die eigene Endlichkeit.

Picknick mit den Toten

Ins Auge sprang mir, was mit diesem Gedanken gemeint sein könnte, als ich in Georgien an Dorffriedhöfen vorbeikam. Dort stehen mitten auf den Grabstätten Bänke und Tische, fest installierte kleine Kunstwerke aus Schmiedeeisen, die dazu dienen, sich an Feiertagen zur Mahlzeit bei, mit und im Gedenken an die Toten auf dem Friedhof niederzulassen. Die Hinterbliebenen versammeln sich also regelrecht zum ganztägigen Picknick an den Gräbern. Sie essen (üppig), trinken (viel), reden, lärmen, erinnern sich, scherzen, ja: sie feiern. Und nur wer je ein georgisches Gastmahl erlebt hat, kann ermessen, welch totaler Anspruch einer solchen Feier innewohnt. Im diesem Bild der feiernden Angehörigen, die ihrer Verstorbenen gedenken, veranschaulicht sich der Satz, dass nicht endgültig tot ist, wer in den Erinnerungen der Seinen fortlebt. Ob das ein Trost sein kann, muss jeder für sich entscheiden. Die Idee eines Nachlebens in den Erinnerungen der Hinterbliebenen ebenso wie eine Ethik der Zuwendung zu Anderen und die Verbindung des einen mit dem anderen scheint mir jedenfalls ein schlüssiges Angebot zur Weiterentwicklung des fundamentalen Gedankens zu sein, der lautet: was mache ich eigentlich hier unten und wie verfahre ich mit dem Zufall, der mich hier und jetzt auf die Welt geworfen hat? Ohne das Pascalsche Erschrecken zu verleugnen und ohne den Heideggerschen Mut zur Angst zu verlieren kann die Antwort heißen: Ja zu meiner Mitwelt und zu meinen Mitmenschen!

Ein Gedanke zu “Emmanuel Levinas antwortet Heidegger

  1. Hola, Herr Schornstheimer,
    erste heute, am 09.02.2016 habe ich Ihre Seite entdeckt und bin begeistert über diese. Ich werde Sie weiter lesen. Herzlichen Dank!!!!
    Ich hatte nach: Rat des Ixion gesucht. Schopenhauer und Safranski sind z.Z. meine Begleiter. Ihr Text ist eine wunderbare Bereicherung für mein Verstehen. Ich bin Malerin, meine Themen verbinden sich mit philosophischen Gedanken. Und gerade die „ZEIT“ beschäftigt mich jetzt. Ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen meine Arbeiten vorstellen könnte….?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Falk Schornstheimer

Über dieses Blog

Das Beste von allem:
Was Coaching, Philosophie, Literatur und Kunst verbindet.
Auf diese Spurensuche begibt sich dieses Blog. Die Absicht ist: Heterogenes auf Zusammenhänge zu befragen, sich zu verirren, um etwas Unverhofftes zu finden, Umwege zu machen, um anzukommen, ins Gegenlicht zu blinzeln, um Konturen besser wahrnehmen zu können.
mehr dazu...