Coaching als angewandte Philosophie: Gelehrte Unwissenheit

Wir wissen nichts, macht nichts! Sagt sinngemäß der große mittelalterliche Theologe und Philosoph Nikolaus von Kues. Er ortet die Macht sogar ausdrücklich im Nichtwissen. Wir können die Wahrheit gar nicht wissen, egal wie sehr wir uns mühen. Und das ist gut so, könnte man ihn ergänzen.

Seine Argumentation, die er in seiner Hauptschrift „De docta ignorantia“ [dt. „Von der gelehrten Unwissenheit“] zur Begründung seiner These aufbaut, ist atemberaubend. Das sokratische „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ betritt mit dem Cusaner in neuem Gewand die intellektuelle Bühne. Nikolaus nennt ihn sogar ausdrücklich. Sokrates und auch der weise Salomon und selbst der an Klugheit nicht zu übertreffende Aristoteles (für die mittelalterliche Scholastik der Philosoph, der Gelehrte schlechthin) hätten treffend bemerkt, dass die Natur Erscheinungen und Wahrheiten berge, die wir Manschen einfach nicht durchschauen könnten, und dies, obwohl wir von Natur aus erkenntnishungrig und wissensdurstig veranlagt sind.

Wenn wir also diesen Säulenheiligen der Klugheit zufolge als kleine Menschlein unseren Erkenntnistrieb nie recht befriedigen können, so sollten wir doch unser Verlangen in die umgekehrte Richtung lenken und unsere Vollendung im Nichtwissen suchen. Dieses Nichtwissen recht verstanden als das neue Wissen. Nikolaus verdeutlicht seine Überlegungen an extremen Steigerungen, dem Minimum und dem Maximum. Beide – und hier kann einem schwindlig werden, weil sich die Herleitung wie postmodere französische Philosophie der 70er und 80er Jahre des 20.Jahrhunderts liest, so als hätten Derrida und Deleuze die Feder geführt! – Minimum und Maximum sind mehr oder weniger dasselbe. Denn das Minimum ist auch eine Art Maximum, nur eben im Kleinen. So wie es nichts Größeres als das Maximum geben kann, kann es auch nichts kleineres als das Minimum geben. In ihrer Extremheit als jeweils äußerste Ausdehnungen fallen beide zusammen. Der Superlativ ist in beiden gleich.
Gegensätze, so Nikolaus, lassen sich also nur im Konkreten, nicht im Extremen, im Absoluten aufbauen. Für das Gottesbild des ausgehenden Mittelalters hatte diese Vorstellung gravierende Folgen. Denn dass Gott der Höchste, der Größte, das Maximum sei, war Konsens. Dass er aber auch zugleich dann das Minimum sein sollte, der am meisten Ruhende und zugleich am meisten Bewegte, weil es die so schön sortierenden und unterscheidenden Gegensätze in Absolutu nicht geben könne, das überstieg den zeitgenössischen amtskirchlichen Verstand. Der ganze Eifer, sagt der Cusanus-Kenner Flasch, mit dem die mittelalterliche Theologie und Philosophie daran gegangen war, die Prädikate Gottes zu sortieren, war umsonst! Cusanus‘ Gott „war ein unendliches Meer, in dem alle Prädikate ertranken. Nicht einmal der härteste aller Gegensätze – der zwischen Sein und Nicht-Sein – blieb dann stabil. Von einer unendlichen Einheit muss man genauso sagen, dass sie nicht ist, wie dass sie ist.“
Diese unendliche Einheit ist Gott. Sagte man von ihm, er sei, wäre das Gegenteil des Nicht-Seins aus seinem Wesen ausgeschlossen und er könnte nicht mehr als das allumfassende, maximale Wesen gelten, das alle existierenden Attribute in sich vereinigt. Unser Wissen, so folgert der Mediävist Kurt Flasch aus Nikolaus‘ Schrift, weiß, dass es bei der Wahrheit noch nicht angekommen ist. „Wer wirklich etwas weiß, weiß auch den Abstand, der ihn von der Wirklichkeit trennt.“ Nikolaus von Kues apostrophiert in dieser Hinsicht Nichtwissen als spezifische Form der Gewissheit. Dieses Nichtwissen ist das neue Wissen, denn nur dieses ist gewiss. Damit öffnet er einem revolutionären Denkansatz die Tür. Ohne die Rezeptionsgeschichte zu refererieren, lässt sich leicht der Bogen ins 20. Jahrhundert über Max Scheler bis zum französischen Poststrukturalismus schlagen. Gleitendes, intentionales Denken, Sprach- und Logozentrismuskritik, sinnliche Gewissheit sind hier Stichwörter. Cusanus ist jenseits der theologischen Argumentation in seiner Denkstruktur hoch aktuell. Wo die Gegebenheiten komplexer werden (obwohl es, wie wir gesehen haben, dazu nicht des Allwetter-Arguments der globalisierten Welt bedarf), wo die Komplexität einfach deshalb überwältigend wird, weil der Verstand tief und tiefer bohrt, da hilft manchmal nur die Konstruktion eines neuen Wissens, das aus dem Eingeständnis entspringt, einen Sachverhalt oder Zusammenhang nicht befriedigend erklären zu können.

Was bedeutet das?

Auf Coaching, Beratung oder auch die Funktion im Unternehmen übertragen heißt das, die Größe zu besitzen, sein Nicht-Wissen, sein Nicht-weiter-Wissen einzugestehen. Statt falsches, unzureichendes Wissen vorzuspiegeln, müsste es schlicht heißen: Ich weiß es nicht. Mit Sicherheit ist der Schock auf der Empfänger-Seite groß: Wofür bezahle ich ihn denn dann (den Coach, den Berater, den Mitarbeiter)? Ein (vermeintlicher) Fachmann, der nicht sofort eine Antwort: weiß? Feuern!
Dabei: wie wohltuend wäre es  – zum Beispiel auch bei Personen des Öffentlichen Lebens aus Politik, Wissenschaft, Medien und Verwaltung  – wenn diese, anstatt die Phrasendreschmaschine anzuwerfen, eingestehen könnten, es auch nicht genau zu wissen. Statt hoch spekulativer Herstellung einer Schein-Gewissheit wäre es eine ganz neue Art der Wissenswertschöpfung zu sagen: Kann sein, dass es so ist und kommt, kann aber auch nicht sein. Haben Sie eine andere Hypothese, werter Kollege, werte Kollegin? Und dann, und nur dann ereignet sich, was Nikolaus von Kues zuteil wurde, als er sich vom alt hergebrachten Wissen löste und davon ausging, dass sein Standpunkt des Nichtwissens authentischer sei: Er kam zum Schluss, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sein könne, da die Unendlichkeit keinen Mittelpunkt besitzt. Erst gut 100 Jahre später gelang es der Astronomie, diese Erkenntnis zu beweisen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Falk Schornstheimer

Über dieses Blog

Das Beste von allem:
Was Coaching, Philosophie, Literatur und Kunst verbindet.
Auf diese Spurensuche begibt sich dieses Blog. Die Absicht ist: Heterogenes auf Zusammenhänge zu befragen, sich zu verirren, um etwas Unverhofftes zu finden, Umwege zu machen, um anzukommen, ins Gegenlicht zu blinzeln, um Konturen besser wahrnehmen zu können.
mehr dazu...