Coaching als angewandte Philosophie: Wann steht das Rad des Ixion still?

Ixion, Tantalos und Sisyphos sind ein infernalisches Dreigestirn. Sie alle lehnten sich gegen die Götter auf und sündigten qua Revolte. Indem sie sich dem Willen der Höchsten nicht unterwarfen, wurden sie lebenslangen Qualen ausgesetzt. Anders als der abtrünnige Luzifer, der aus dem Himmel verbannt immerhin ein eigenes Reich gründen konnte und sich als Gegenspieler des Allmächtigen in Szene setzte, wurden die drei griechischen Könige mit, wenn man so will, Routine Bestraft.
Ixion zum Beispiel, machte sich in ganz besonderer Weise schuldig, als er die Gastfreundschaft des Zeus missbrauchte und dessen Gattin Hera im Rausch begehrte. Aus Zorn über Ixions Unverfrorenheit, als Liebhaber mit dem Göttervater konkurrieren zu wollen, stürzte Zeus ihn in den Tartaros hinab, wo er auf ein sich ewig drehendes Feuerrad gebunden, seine Runden ziehen musste.
Tantalos hatte für seinen Diebstahl von Nektar und Ambrosia bei einem Gastmahl der Götter sein Leben lang auf Speise und Trank zu verzichten. Immer wenn der Gefesselte sich dem Wasser oder herabhängenden Früchten entgegen beugte, verschwanden diese. Sisyphos bekommt seine sprichwürtlich gewordene Strafarbeit dafür aufgebrummt, dass er sich dem Gott der Unterwelt, Thanatos, widersetzt und nicht im Totenreich bleibt. Stattdessen kehrt er zu seiner Frau auf die Erde zurück und verspottet dort sogar die Götter. So wird er schlussendlich dazu verdonnert, ein Leben lang einen Felsbrocken einen Berg hinaufzurollen, der, kaum auf der Kuppe angekommen, wieder hinuntekugelt.

Im Hamsterrad

Allen dreien, Ixion, Tantalos und Sisyphos ist eigen, dass sie dazu verdammt sind, das immer Gleiche zu tun. Ihre Strafe besteht darin, in eine Art Hamsterrad eingespannt zu sein, dem sie nicht entkommen können.
Fällt uns etwas auf? Das immer gleiche tun zu müssen, unbarmherzig eingespannt zu sein und dem Hamsterrad nicht entfliehen zu können, ist eine Klage, die so gut wie von jedem Berufstätigen, der eine verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen hat, geäußert wird. Ob Manager, Anwalt, HR-Verantwortlicher oder Pressesprecher – fast jede so genannte Führungskraft beschreibt ihren Alltag mit Bildern, die den Tantalusqualen, der Sisyphosarbeit und dem Rad des Ixion gleichen. Dabei haben die Armen gar nichts verbrochen.
Was tun, um diesem Schicksal zu entkommen, ist regelmäßig die Frage, die ich hier nicht mit Zivilisationskritik und der allgegenwärtigen Klage über die moderne Arbeitswelt beantworten will. Es soll nicht um den Ausbruch, das Aussteigen und dergleichen als Empfehlung gehen. Auch nicht ums Loslassen bei Zen, Vipassana und Yoga, was wieder nur Übungen sind, die den Anfänger in ein neues Hamsterrad pferchen. Sondern um eine schlichte aber eindrucksvolle Erkenntnis, die kein Geringerer als der deutsche Philosoph Artur Schopenhauer formulierte.

Der fordernde Wille

Als grundlegenden Vorgang der menschlichen Natur erkannte er das Wollen, das uns alle umtreibt und das aus einem Bedürfnis, also einem Mangel, also einem Leiden entspringe. Die Erfüllung des jeweiligen Willens ist keine Lösung. Denn für jeden Wunsch, der erfüllt wird, bleiben zehn versagt. Dies ist eine unendliche Operation. Die Erfüllung (man kennt es aus anderen Zusammenhängen) ist kurz und kärglich, was sich danach an neuen Begehrlichkeiten auftut, ist unendlich. Was für Wollen und Wünschen gilt, trifft auch auf die modernen Schreibtische mit den daran angeschlossenen Kommunikations-instrumenten zu: „Ob wir jagen oder fliehen, Unheil fürchten oder nach Genuss streben, ist im wesentlichen einerlei: die Sorge für den stets fordernden Willen, gleichviel in welcher Gestalt, erfüllt und bewegt fortdauernd das Bewusstsein; ohne Ruhe aber ist durchaus kein wahres Wohlsein möglich. So liegt das Subjekt des Wollens beständig auf dem drehenden Rad des Ixion, schöpft immer im Siebe der Danaiden, ist der ewig schmachtende Tantalus.“
Tröstlich hieran ist die Erkenntnis, dass auch ohne den Schreibtisch und die Arbeit der Wille uns regiert. Vielleicht weniger fremdbestimmt, weniger im Sekundentakt aber auch im Sport, im Familienleben, im Urlaub ist es keineswegs ausgeschlossen, dass ein Wunsch dem nächsten folgt, auf den Halbmarathon der Marathon, auf den Segelschein der Flug- oder Tauchschein, auf die Platzreife die Sehnsucht nach einem satisfaktionsfähigen Handicap. Selbst der Privatier im luxuriösen Ferienhaus am Strand steckt mutmaßlich in diesem Dilemma: Ein größeres Auto, eine schnellere Yacht, besseres Tennis, mehr Wein, teurere Gemälde oder wenigstens bessere Gesundheit, weniger Falten, weniger Jahre…Was tun? Dem Sklavendienste des Willens, wie Schopenhauer schreibt, kann uns nur ein äußerer Anlass oder eine innere Stimmung entreißen. Wichtig ist, die Aufmerksamkeit nicht mehr auf die Motive des Wollens zu richten, sondern die Dinge frei von ihrer Beziehung zum Willen aufzufassen, „also ohne Interesse, ohne Subjektivität, rein objektiv sie betrachtend, ihnen ganz hingegeben […]“. In diesem Augenblick, so versichert Schopenhauer, trete die „immer entfliehende Ruhe“ plötzlich von selber ein und „uns ist völlig wohl“. Dies sei der Zustand, den Epikur als das höchste Gut und als den Zustand der Götter pries: die Ataraxie .
Schopenhauer. „Denn wir sind, für jenen Augenblick, des schnöden Willendrangs entledigt, wir feiern den Sabbat der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des Ixion steht still.“
Das „interesselose Wohlgefallen“ war übrigens schon Kants Definition der Schönheit. Etwas, das ohne Interesse gefällt ist schön und ein Mensch, der etwas ohne Interesse betrachtet ist seelenruhig. Seelenruhe und Schönheit verschmelzen miteinander. Und so verwundert es nicht, dass zur Erreichung des Ziels für Schopenhauer die Kunst das Mittel der Wahl darstellt. Kunst und Natur, müsste man ergänzen. Das künstlerische Gemüt kann es schaffen, das Rad des Ixion anzuhalten; Hilfe erhält es von außen durch „entgegenkommende Objekte, durch die zu ihrem Anschauen einladende, ja sich aufdringende Fülle der schönen Natur“.
Sobald ich Betrachter also das Bild einer Landschaft erfasse, sobald sich vor mir das Naturschöne auftut, gerate ich in den „Zustand des reinen Erkennens“; wir treten gleichsam in eine andere Welt. Wie Schlaf und Traum uns aus der Realität emporheben, bewirkt der Natureindruck ein Aussetzen der Realitätserfahrung, „Glück und Unglück sind verschwunden“.

Nichts tun

Praktisch gewendet bedeutet Schopenhauers These nichts anderes, als dem Realitätszwang für die Dauer einer Naturerfahrung zu entfliehen. Wenn wir in die Natur hinaus gehen stemmen wir uns gegen das rotierende Hamsterrad. Interessanterweise schließt sich dieser Lösungsansatz mit ganz aktuellen Debatten kurz, die etwa der Kinderpsychiater Michael Winterhoff im Blick auf überlastete und gestresste Eltern führt. Seine Diagnose (wie etwa in seinem Buch „Lasst Kinder wieder Kinder sein“) lautet: Entscheidend ist, ob man zwanzig Minuten in der Lage sei, nichts zu tun. Die üblichen Anti-Stress-Tipps, To-Do-Listen, Prioritätensetzung – man könnte hinzufügen: Time-Management-Seminare – nützten nichts, wenn man es nicht schaffe, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Sein (verblüffend Schopenhauerscher Rat): Lassen Sie sich mal darauf ein, fünf Stunden durch einen Wald zu gehen. Wichtig wäre, dass Sie nicht wandern, sondern einfach gehen ohne Ablenkung. Sie hören keine Musik, sie haben weder Handy noch einen Hund dabei, Sie joggen nicht.“ (Interview in der FAS vom 18.09.2011). Im Sinne Schopenhauers zu ergänzen wäre, dass es statt mit der Natur auch mit der Kunst geht. Alles, was für die „aufdringende Fülle der schönen Natur“ gilt, trifft auch auf die unerschöpfliche Vielfältigkeit der Wort, Bild- und Tonkunst zu. Ein Konzert hören, Literatur lesen oder eine Ausstellung besuchen, heißt ebenfalls in eine andere Welt eintreten. Dann, genau dann, erleben wir, wie das Rad des Ixion stillsteht.

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Falk Schornstheimer

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