Die Weisheit der Songs. Kurze Meditation über kurze Lieder

Vielleicht ist es manchmal zu anstrengend, zu philosophieren oder über Philosophie(n) nachzudenken. Vielleicht ist es manchmal zu anstrengend, unergiebig und redundant, das eigene Leben zu reflektieren. Vielleicht hilft auch die Literatur, helfen auch Romane, Zeitungen und Wissenschaft nicht weiter, beim Versuch zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Obwohl man Leser und vielleicht auch Intellektueller ist und gerne und mit Gewinn liest. Gedichte daraufhin abzuklopfen, was sie einem zu sagen haben, ihre Schwingungen wirken zu lassen und empfänglich zu sein für den Ton zwischen Wort und Wort ist schön, aber auch nicht jedermanns Sache. Außerdem wer liest heute noch Gedichte? Tatsächlich jeder!

Das Gedicht ist nur längst nicht mehr das Gedicht zwischen zwei Buchdeckeln, sondern der Song. Und als solcher, eingefasst in seine Melodie, hat er für jeden, absolut jeden, den ich kenne, quasi lebenserhaltende Bedeutung. Die populärste und bedeutendste Meditationsmaschine von der Pubertät an: das ist seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts garantiert der Song.

Wer hätte nicht – ob Rock, Pop, Schlager, Folksong, deutsch, englisch, sonstwie international – schon mitgesungen, -gegrölt, -geflüstert, gelauscht, gehört, gespürt, genossen, gelitten mit den Lied-Ikonen? Die Rheinländer im Karneval sowieso, aber auch jeder Konzertbesucher, jeder Radiohörer, jeder I-tunes-Käufer, jeder CD-Brenner, jeder Supermarktkunde, jeder Straßenfestgänger, jeder Sommerfest- und Weihnachtsfeiergast kommt mindestens zu diesen Gelegenheiten in Berührung mit nahezu klassisch gewordener Musik, die berührt (ob man will oder nicht). Und mit Texten, deren Weisheit oft genug betörend ist. Texte, die eine Philosophie ersetzen können und zum Nachdenken, Erinnern, Empfinden anregen. Deren Funktion eine entlastende ist, sagen sie uns doch: da ist einer, dem es genauso geht wie mir, der Gleiches durchgemacht hat, der so tickt wie ich. Nicht zu reden von der manchmal schieren Schönheit und Poesie einzelner Lieder und Liedzeilen.
Schlichter (und schöner) als Neil Young geht es nicht und wer hätte spontan im Kopf gehabt, dass er ein paar unvergängliche Zeilen zum modernen Erschöpfungs-Thema bereithält, das so gar nicht psychologically correct ist:

My my, hey hey
Rock and roll is here to stay
It’s better to burn out
Than to fade away
My my, hey hey.

Platon hat er nebenbei auf einen Satz gebracht:
There’s more to the picture
Than meets the eye.
Hey hey, my my.

Kennen Sie Richard Hawley? Wenn nicht und vorausgesetzt, Sie verehren tiefe Stimmen verknitterter Singer-Songwriter, die neben der großen melancholischen Geste auch eine verehrungswürdige Coolness beherrschen, dann ist er ein Muss – wie auch die somnambule musikalische Ästhetik des Albums Trueloves‘ Gutter.

As the dawn breaks over roof slates
Hope hung on every washing line
As your heart aches
Over life’s fate…

Keine schulmäßige Hermeneutik an dieser Stelle! Die stört den Zauber nur. Das beschworene Bild spricht für sich. Unausweichlich spürt man sein Herz, das schmerzt ob der Schicksalhaftigkeit des Lebens und fühlt gleichwohl die Hoffnung, die im Morgenrot tatsächlich an jeder Wäscheleine hängt.
Das ist doch besser als jede „Redekur“ und Arztbesuch: Zuhören und wirken lassen.

Wie auch die denkwürdige Zeile in „Anthem“, einem berühmten Lied des Picasso of Song, Leonard Cohen, schlichtweg Poesie und Philosophie in einem ist:

Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything
that’s how the light gets in.

Dass da ein Riss in allem sei, dieser aber zugleich genau die Stelle ist, durch die Licht eindringt, auch in eine Person, einen Menschen (und diesen so zum Leuchten bringt, müsste man ergänzen), ist eine betörende Metapher nicht nur für die Verwundbarkeit, sondern die vollendete Tatsache der Verwundung eines jeden durch sein schieres Auf-der-Welt-Sein. Und zugleich ist damit gesagt, dass es der Riss, also die Versehrtheit, die Imperfektion ist, die den Menschen ausmacht und ihn erstrahlen lässt. Eine Botschaft mitten in der Postmoderne fast von Luthers Gnaden: nicht um unserer Taten willen, nicht für unser Funktionieren werden wir geschätzt und geliebt, sondern weil wir es sind. Könnte auch ein Appell sein, es sich gegenseitig nicht unnötig schwer zu machen mit unerfüllbar hohen Ansprüchen. Ist ja sowieso ein Riss, ein Bruch in allem. Aber ohne Riss keine Erleuchtung.

Muss ich betonen, dass Musik und ganz besonders das Lied ein kathartischer Erinnerungsspeicher ist und als Gefühlserreger par excellence wirkt? Ein Stimulans wie Champagner – ohne jede katermäßige Verwüstungsgefahr. Obwohl die Kombination von Champagner und Song natürlich unschlagbar ist und ein bisschen Verwüstung in Ordnung geht (siehe: Sailor, A Glass of Champagne).
Na, kommen Erinnerungen bei dem hier?

If you’re a cowboy I would trail you
If you’re a piece of wood I’d nail you to the floor
If you’re a sailboat I would sail you to the shore
If you’re a river I would swim you
If you’re a house I would live in you all my days
If you’re a preacher I’d begin to change my ways

Sometimes I believe in fate
But the chances we create
Always seem to ring more true
You took a chance on loving me
I took a chance on loving you
If I was in jail I know you’d spring me
If I was a telephone you’d ring me all day long
If was in pain I know you’d sing me soothing songs

Sometimes I believe in fate
But the chances we create
Always seem to ring more true
You took a chance on loving me
I took a chance on loving you

If I was hungry you would feed me
If I was in darkness you would lead me to the light
If I was a book I know you’d read me every night
If you’re a cowboy I would trail you
If you’re a piece of wood I’d nail you to the floor
If you’re a sailboat I would sail you to the shore
If you’re a sailboat I would sail you to the shore

(Katie Melua, If You Were A Sailboat)

Leicht ist es, hier Kitsch zu unterstellen. Wie überhaupt Kitsch die große Gefahr bei der Song-Meditation ist. Kitsch und die Tatsache, dass viele Lieder über die Jahre totgespielt wurden. Eine unmittelbare Begegnung ist nicht mehr möglich. Sie teilen insofern das Schicksal der Sonnenblumen von Van Gogh oder Mozarts‘ Kleiner Nachtmusik. Aber auch wenn das musikalische Gesamtpaket etwas süßlich sein mag, speziell Katie Meluas Zeilen muss man sich doch auf der Zunge zergehen lassen: Wärst Du ein Cowboy, trottete ich Dir nach, wärst Du ein Stück Holz, nagelte ich Dich auf den Boden, wärst Du ein Segelboot, segelte ich Dich ans sichere Ufer, wärst Du ein Fluss, durchschwämme ich Dich…Als Liebeserklärung bedeutend und berührend. Aber auch ernst zu nehmen als Statement zur Allgewalt und Tiefe dieses universellen Gefühls.

Und wem die Kitschgefahr zu groß erscheint, der kann ja in entlegenere Sparten schauen. Wie zum Beispiel auf die wunderbaren Chansons einer jungen Frau aus Tours. Statt der alten etablierten englischsprachigen Rock-Haudegen, die filigrane, süße Zaz, alias Isabelle Geoffrey. Sie singt:

Donnez-moi une suite au Ritz, je n’en veux pas
Des bijoux de chez Chanel, je n’en veux pas
Donnez-moi une limousine, j’en ferais quoi ?
Offrez-moi du personnel, j’en ferais quoi ?
Un manoir à Neufchatel, ce n’est pas pour moi
Offrez-moi la Tour Eiffel, j’en ferais quoi ?
Je veux de l’amour, de la joie, de la bonne humeur
Ce n’est pas votre argent qui fera mon bonheur
Moi je veux crever la main sur le cœur
Allons ensemble, découvrir ma liberté
Oubliez donc tous vos clichés
Bienvenue dans ma réalité

[Gebt mir ein Zimmer im Ritz, ich will es nicht
Juwelen von Chanel, ich will sie nicht
Gebt mir eine Limousine, was soll ich damit?
Bietet mir Personal an, was soll ich damit?
Ein Haus in Neufchatel, das ist nichts für mich
Bietet mir den Eiffelturm an, was soll ich damit?
Ich will Liebe, Freude, guten Humor
Es ist nicht euer Geld, das mich glücklich macht
Ich will den Abgang machen mit der Hand auf dem Herzen
Lasst uns gemeinsam gehen, meine Freiheit entdecken
Vergesst doch all eure Klischees
Willkommen in meiner Realität]

Das ist Erich Fromms „Haben oder Sein“ in einer Nussschale. Neben dem ausgearbeiteten Diskurs, der argumentativen Erörterung leuchtet der gleiche Gedanke als aphoristischer Splitter wie im Blitzlicht auf. Kurz, sinnlich erfahrbar und deshalb sehr einprägsam. Ich kann mich mit der Frage „Haben oder Sein?“ intellektuell befassen, um einen Standpunkt in der Frage ringen und ich kann sie ergänzend unmittelbar erfahren. Als Bekenntnis in Zaz‘ Chanson. Liebe, Freude, guter Humor als Beschreibung des Seins, um das es in der Quintessenz geht. Das mag jugendlich unbefangen, naiv, daherkommen, aber – Hand auf’s Herz – ziemlich weise ist es auch.

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Falk Schornstheimer

Über dieses Blog

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