Im Gegenlicht – Coaching als angewandte Philosophie

Von kritischen Zeitgenossen, insbesondere aus stark rational ausgerichteten Berufen (Jura, IT, Natur- und Ingenieurswissenschaft), wird Coaching leicht abgetan als Modeerscheinung mit esoterischem Einschlag. Mir ging es lange auch so. Diese Skepsis ist selbst dann spürbar, wenn dieselben, die es belächeln, Coaching in Anspruch nehmen. Ich ging auch zum Coach. Woher diese kritische Distanz bei vielen? Sie ist nicht ganz unverständlich – aus zwei Gründen: Zum einen ist im riesigen Ozean von Coaching-Anbietern tatsächlich ein Meer von Esoterikern mit New Age-Touch unterwegs. Für manche passt das, für manche jedoch gerade nicht. Aber auch bei den anderen, den professionellen Business-Coaches, springt erschreckend oft die theoretische Dürftigkeit ins Auge, mit der sie ihre methodischen Ansätze, Traditionsbildungen, Schulen und Richtungen den Kunden zu erklären versuchen (den Praxistest kann jeder gerne selbst machen, der ein wenig durch die Webseiten von Business Coaches surft).
Diese Dürftigkeit an sich wäre nicht tragisch. Coaching lebt ja aus und von der Praxis. Man könnte geradezu fordern: Vergesst die Theorie. Aber genau das wird nicht getan. Stattdessen soll mit viel Wortgeklingel ausdrücklich der Eindruck strenger Wissenschaftlichkeit geweckt werden. Der hohe Anspruch, der auf den zahllosen Webseiten formuliert ist, wird schon sprachlich nicht, geschweige denn intellektuell eingelöst. Der Kaiser steht ziemlich nackt da.

Zurück zu den Wurzeln: Sokrates, Platon & Co.

Ich will deshalb – gewissermaßen back tot he roots – hier ein anderes Angebot formulieren, das weder mit Esoterik noch mit einer Pseudo-Theoriebildung zu tun hat. Stattdessen mache ich den Vorschlag, die gute alte abendländische Philosophie als Mittel und Methode im Coaching herzunehmen.
Eine Erkenntnistheorie des eigenen Lebens zu formulieren: darum geht es. Philosophische Lebensberatung gibt es schon, aber sie ist kaum verbreitet und spielt in der Coaching-Praxis keine Rolle im Unterschied etwa zu Methoden und Schulen wie Gestalt oder Systemisches Coaching.

Die Kombination von ganzheitlichem Coaching (das den berufsbezogenen Coaching-Anlass mit dem persönlichen Hintergrund des Klienten verbindet) mit Philosophie: that’s it!

Dieser Ansatz schreckt aber auch ab, weil für die meisten von uns Platon, Kant, Heidegger vollkommen unverständlich scheinen und nichts mehr mit unserer Lebenswelt zu tun haben. Natürlich sind ihre Texte „schwer“ und ihre Theorien eher etwas für die Fachwissenschaft. Aber sie lösen zumindest den Anspruch ein, den sie formulieren. Also, man fühlt sich nicht unter Wert verkauft, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Ihre Fragen im Übrigen sind die immer gleichen und kommen aus dem tiefen Inneren des Menschen – philosophisches Ur-Gestein:

  • Wie soll ich leben?
  • Was ist ein gelungenes Leben?
  • Was ist eine gute Entscheidung und woran erkenne ich sie?
  • Was ist Glück und (wie) kann ich es erlangen?
  • Was kommt eigentlich dann, wenn ich glücklich bin?
  • Und was bedeutet all das hier auf der Welt angesichts unserer Endlichkeit?

Heute mehr als früher (als sozial bedingt die schiere Existenz-Sicherung im Vordergrund stand) stellen sich auch ganz „normale“ Durchschnitts-Menschen diese fundamental ontologischen Fragen. Und viele der darin ausgedrückten Zweifel stecken auch hinter den vermeintlich leicht abgrenzbaren und isoliert zu betrachtenden Problemen unserer Klienten aus dem Berufsalltag.

Nehmen wir Kant: Seine kritische Philosophie versucht auf drei zentrale Fragen Antwort zu geben, die in ihrer Wucht und Universalität kaum zu überbieten sind:

  • Was kann ich wissen?
  • Was darf ich hoffen?
  • Was soll ich tun?

Damit sind wir im Herzen dieses faszinierenden Coaching-Ansatzes. Die erste Frage ist erkenntnistheoretischer Natur. Sie dient dazu, überhaupt einen klaren Blick zu fassen und Übersicht zu gewinnen. Aber auch dazu, sich der Relativität des eigenen Blicks gewahr zu werden. Sie im Sinne von Kant zu beantworten heißt, erst einmal die Natur von Wahrnehmung und Erscheinung, mithin die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis zu thematisieren und zu relativieren. Vereinfacht gesagt – und darin liegt die immense philosophiegeschichtliche Bedeutung des Königsbergers – stellt Kant die Differenz zwischen der äußeren Welt und unserer Wahrnehmung her. Das, was wir zu sehen, zu erkennen meinen, ist nicht objektiv die Welt geschweige denn die Wahrheit. Es ist eben die durch unseren Sinnenapparat aufgenommene und gefilterte Welt. Was im Guten wie im Schlechten erhebliche Folgen für uns hat.
Nicht umsonst wurde diese Erkenntnis Kants als kopernikanische Wende der Philosophie bezeichnet. Danach ist eigentlich nichts mehr wie vorher. In empfindsamen Intellektuellen, wie zum Beispiel Heinrich von Kleist, wurde durch Kant (bzw. dessen Schüler Carl Leonhard Reinhold) eine regelrechte Erschütterung und Erkenntniskrise ausgelöst. In einem Brief an Wilhelmine von Zenge vom 22. März 1801 erklärt ihr Kleist, was Kant eigentlich bedeutet und welche Wirkung seine Erkenntnistheorie hat: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. […] Ach Wilhelmine, wenn die Spitze dieses Gedankens Dein Herz nicht trifft, so lächle nicht über einen andern, der sich tief in seinem Innern davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr.“

Wie fühlt sich das an?

Was Kleist verunsicherte und eine Krise auslöste ist uns (Post-) Modernen schon
vertraut. Wir hätten eher ein Problem damit, von objektiven Wahrheiten (z.B. der Existenz Gottes, der unbefleckten Empfängnis, dem Gottesgnadentum eines Königs, der Unfehlbarkeit des Papstes, der Newtonschen Gesetze usw.) für die Welt auszugehen. Die Schlussfolgerung daraus für die Beratungs- und Coaching-Wirklichkeit bedeutet aber auch eine gewaltige Entlastung. Um es wieder auf einen einfachen Nenner zu bringen: Entscheidend ist vor diesem Horizont nicht, in welchen objektiven Gegebenheiten jemand lebt, ob er Geld, Status, ein Haus, eine hübsche Frau und wohlerzogene Kinder besitzt. Entscheidend ist, wie sich das für ihn anfühlt. Und nie sollte man von den äußeren Faktoren auf die innere Zufriedenheit schließen – ein Kurzschluss, den auch erfahrene Coaches irritierend oft produzieren. Ein in jeder Hinsicht gut situierter Klient, der von finanziellen Zukunftsängsten und Sorgen gequält wurde, beklagte sich bei mir, dass sein erster Coach ihn nicht verstanden habe. Er habe stets darauf verwiesen, wie gut es ihm objektiv doch gehe. Doch diese „nu hab Dich doch nicht so“-Haltung entlastete den Klienten nicht im mindesten, sondern vermittelte ihm lediglich das Gefühl, nicht verstanden zu werden.
Auf etwas andere Weise und mit großartigem Humor inszeniert diese Tatsache eine Anzeige der Caritas. Eine offensichtlich behinderte Frau, die im Rollstuhl sitzt sagt „Ich hätte gerne blonde Haare“. Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, beträfe dies also nicht im Entferntesten eine Veränderung ihres Körpers und ihrer Gesundheit. Unter ihrer Behinderung leidet sie offenbar nicht. Was sich für sie ganz persönlich blöd anfühlt, ist ihre Haarfarbe. Was wir Nicht-Behinderten ihr als Hauptproblem unterstellen, ist gar nicht das Problem.

Zur Praxis

Die beiden anderen Fragen Kants zielen dagegen mittelbar ins Zentrum der Problemlösung: Was kann ich ändern ( wenn -hoffentlich- das Coaching erfolgreich gewesen sein wird)? Welche Handlungsoptionen habe ich und wie setze ich sie um?
„Was soll ich tun?“ ist die grundlegende ethische Frage nach der Gestaltung und Gestaltbarkeit meines Lebens. Erfahrungsgemäß liegen hier die größten Hemmnisse. Klienten fühlen sich regelmäßig in einer Zwangslage, funktionieren einfach, stecken im Hamsterrad fest. Ihr Leben mit allen Pflichten und Verantwortungen, die es ihnen auferlegt, ist ihr Korsett, in das sie eingeschnürt sind. Die Frage „was soll ich tun“ stellen sie sich gar nicht ernsthaft, außer in einem verzweifelten Sinn, als Klage, als Stoßseufzer. Dabei – eine Banalität, aber immer wieder eine gern ignorierte Banalität – haben wir ja nur dieses eine Leben. Die Frage nach der guten Gestalt des Lebens nicht zu stellen, es nicht aktiv zu führen,  läuft auf Vergeudung hinaus.

Diese drei Fragen Kants sind also schon eine Art Einsteiger-Baukasten zur Eröffnung eines Coaching-Prozesses, mit dem jedermann selbstverständlich auch selber bauen kann.
Bei der Übertragung philosophischer Ansätze und ihres spezifischen Problemverständnisses auf Coaching-Situationen versteht es sich von selbst, dass im Mittelpunkt nicht die schulmäßige Textarbeit und Exegese stehen kann. Es geht vielmehr um den – vielleicht sogar spontanen – Nachvollzug von Argumenten, die bedeutende Denker zur Erklärung des Menschen und der Welt, von Vergangenheit und Zukunft anbieten. Es geht um Blitzlichter und Gegenlicht, die alt Vertrautes neu ausleuchten. Um das plötzliche Lüften des Vorhangs, das spontane Heureka, das sich einstellt, wenn ein Sinn-Zusammenhang erkannt wird. Dafür ist die Oberfläche gut geeignet. Eine Sentenz, ein Aphorismus, ein Zitat kann schon zum Ausgangspunkt einer Reflexion werden, an deren Ende eine neue Wirklichkeitsdurchdringung steht.
Sehen wir es so: Was die Freunde der Weisheit im Großen beschäftigte, beschäftigt jeden von uns im Kleinen. Maßgebend ist die Überlegung, was ihre Gedanken uns heute sagen. Im Zentrum steht dabei naturgemäß die Ethik, die seit alters her als eigentliches Ziel allen philosophischen Nachdenkens gilt. In der Disziplin-Hierarchie ist sie Logik und Physik und ihren Nebenfächern, übergeordnet. Seit der Antike ist Philosophieren wesentlich das Ringen um ethische Orientierung.

Im nächsten Beitrag folgen praktische Beispiele.

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Falk Schornstheimer

Über dieses Blog

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