Michel Leiris‘ Spielregeln. Noch eine Lektüre

Jorge Semprun, der große spanische Romancier, der zumeist französisch schrieb und mit französischer Literatur und Kultur des 20. Jahrhundert vertraut war wie kein zweiter, zählte Michel Leiris‘ berühmtestes Buch „L’âge d’homme“, zu Deutsch „Mannesalter“, zu den Lektüren, die ihn neben Sartre, Malraux und Gide tief prägten. Ohne sie, so Semprun, wäre aus ihm nicht geworden, was er war, speziell Leiris‘ Werk habe er in einer Sommernacht in fiebernder Lektüre fasziniert verschlungen. Leiris‘ Buch – Roman kann man es nicht nennen – ist ein bedeutendes Stück Erkenntnis- und Offenbarungsliteratur, strenge und schonungslose Autobiografie. Die Negation eines Romans habe ihm bei Abfassen vorgeschwebt schreibt der Autor darin. „Jede Verkleidung abwerfen und als Materialien nur wirkliche Tatsachen […] zulassen, so lautete die Regel, die ich mir erwählt hatte.“ Diese Regel war es, die Leiris später mit seiner nun tatsächlich so genannten vierbändigen Autobiografie „Die Spielregel“ buchstäblich auf die Spitze trieb.

Literatur als Tauromachie, als Stierkampf, so hatte er in „Mannesalter“ seine Methode umschrieben. „Diese Entscheidung für den Realismus – nicht fiktiv wie in den meisten Romanen, sondern positiv (da es sich ausschließlich um Erlebtes und ohne die geringste Verkleidung Dargestelltes handelt) – war mir nicht nur durch die Natur meines Vorhabens auferlegt […], sondern entsprach auch einer ästhetischen Anforderung: nur von dem zu sprechen, was ich aus eigener Anschauung kannte und was mich von ganz nahe berührte […]“.

Der Autor als Torero

Neben den festen Regeln der Tradition, denen sie sich unterwerfen, ist es maßgeblich das Risiko, das den Beruf des Toreros auszeichnet. Nichts anderes gilt für Leiris auch vom Autor der Selbstoffenbarung. Dazu kommt als drittes Moment, der Regelhaftigkeit verschwistert, die (klassische) Strenge, die Maßlosigkeit nicht ausschließt, den Außenstehenden zuweilen zufällig erscheinen kann, nichtsdestotrotz konsequent den Verlauf einer Corrida festsetzt und keine Abweichung zulässt – Kampftechnik und Zeremoniell gleichermaßen. Dies also machte sich Leiris zur Spielregel: Literatur als Stierkampf zu betreiben. Als stolzer, unerschrockener, (sich gegenüber) strenger und mutiger Matador mit seiner Biografie zu kämpfen und, so müsste man wohl annehmen, sie am Ende zu besiegen. Mit der gewaltigen Gegenüberstellung „Schreiben oder Leben“ („L’ecriture ou la vie“) betitelte übrigens Semprun, der Leiris-Bewunderer, einen seiner autobiografischen Texte, der aus der Erfahrung des nationalsozialistischen Lagers (Semprun war in Buchenwald) entstand und dessen Autor sich zunächst klar für das Leben und die Tat entscheiden musste, bevor er sich zum Schriftsteller verpuppen konnte. Literatur und das Schreiben als Existenzfrage also – so oder so. Mit Titeln wie „Streichungen“, „Krempel“, „Fibrillen“ und „Wehlaut“ umfängt Leiris Tetralogie „Die Spielregel“ das Leben seines Autors auf gut 2000 Seiten. Ist dies ein eitles Unterfangen, sich für so bedeutend zu halten, dass man die eigene Person zum Gegenstand seiner Literatur macht, einer so umfangreichen zumal, und zwar nicht als Ergänzung oder Abschluss eines ansonsten eigenständigen literarischen Werkes, sondern als das Werk selbst?
Sicher, genau das, ein eitles Vorhaben, Hybris durchaus, aber vor allem ein Mut und Größe verlangendes Vorhaben, das stolz, groß und wagemutig ist, eben wie die Figur des Stierkämpfers. Unter dem Titel „Persephone“, den ein 78-seitiges Stück im ersten Band „Streichungen“ trägt, erzählt der Autor von seinem Umzug innerhalb von Paris und kommt angelegentlich seiner Empfindungen, seiner inneren Disposition in der neuen Wohnung am Quai des Grands-Augustins dazu, das Schreiben selbst zu beschreiben, den Schreibakt mit Feder und Papier am Schreibtisch sitzend, auf dem Aschenbecher, Streichhölzer, das Schreibheft ordentlich deponiert sind, zum Thema zu machen, durch die „Macchia der Sätze“ zu humpeln, wie er sagt. Doch nicht die aktuellen Beobachtungen, Eindrücke der Großstadt-Erkundung sind es, die den Ausschlag zur schriftstellerischen Verarbeitung geben – sie sind viel zu flüchtig –, sondern die „in die Staubnester der fernen Vergangenheit verbannten Erfahrungen“ machen ihre Autorität geltend: „Von diesen Erfahrungen, denen kein Dreck den Glanz raubte […] gibt es einige, die vielleicht mehr als die anderen im üppigen Dickicht der Natur verstrickt sind und die ich aus diesem Grund in derselben Rubrik glaubte versammeln zu können. Und ich habe als Signum, unter das ich sie stellen möchte, den blumigen und zugleich unterirdischen Namen der Persephone gewählt, der so seinen irdischen Schwärzen entrissen und bis in den Himmel einer Kapitelüberschrift getrieben wird. Das Akanthusblatt, das man auf dem Gymnasium kopiert, wenn man so gut wie möglich die Zeichenkohle handhaben lernt, der Stengel einer Winde oder anderen Kletterpflanze, die schraubenförmige Inschrift auf einem Schneckenhaus, die Mäander des Dünn-oder Dickdarms, die ein Regenwurm ausscheidet, die Locke des Kinderhaars, in einem Medaillon eingeschlossen, das stinkende Simulakrum, das ein leichter Daumendruck einem ‚père-la-colique‘, einem Furzautomaten, entlockt, das Jaspisgesprenkel an den Rändern mancher gebundener Bücher, die gekurvten Kunstschmiedearbeiten des Jugendstils an den Métro-Eingängen, das Geschnörkel der auf die Bezüge von Bettdecken und Kopfkissen gestickten Chiffren, die Schmachtlocke mit Schmalz auf den Backenknochen einer Prostituierten zur alten Zeit des Goldhelms geklebt […] all das glaube ich potenziert im Namen der Persephone zu entdecken, und ich warte nur auf eine verborgene Druckfeder, die jäh aufschnappt wie die Wicklung eines Stahlbandes im Innern eines Uhrwerks oder wie die Springfeder in dem Kasten mit geschlossenem Deckel, wo der Teufel mit dem Zausbart sprungbereit kauert.“

Aus teils sehr langen, erzählungsartigen, teilweise romanhaften Stücken, dann wieder in ganz kurzen Reflexionen, Bruchstücken, Blitzlichtern besteht dieses seinerseits ethnographische Werk des studierten Völkerkundlers Leiris, der anscheinend nicht anders kann, als das nächstliegende – Sich – mit genau demselben neugierigen Blick des Wissenschaftlers zu betrachten, wie fremde Völker und Länder. „Vielleicht verrückt, vielleicht vorbildlich“, nannte Maurice Blanchot dieses Unterfangen seines Kollegen, dessen Originalität darin bestehe, dass der Vorgang des Entdeckens von Erinnerungen und Erfahrungen wichtiger sei als das zu Entdeckende selbst. Vom, wie Blanchot es nennt, gefesselt, gewunden, glücklos wirkenden ersten Band der „Spielregel“-Tetralogie „Streichungen“ an schreibt sich Leiris mehr und mehr frei, bis er im letzten Band „Wehlaut“ zu einer souveränen, geglückten Form findet, die wieder an „Mannesalter“ von 1939 anknüpft.

Literarisches Zen

„Alle Düfte Arabiens, alle Schlaf- und Wachträume, alle erlebten und erfundenen Abenteuer, alle Werken zum Lesen, Sehen oder Hören entsprungenen Erfahrungen, Alle Strudel im Maßstab der Meere oder des Wasser- glases, alles, was kaum oder gar nicht leben kann, aber wodurch man lebt…“
oder: „Blau weinen, gelb lachen, rot wüten. Violett, indigo, grün, orange lieben. Weiß träumen, schwarz schreien.“ So wunderbar epigrammatisch treibt der Meister des Fragments, der Leisris in den 40 Jahren seiner Autobiografie-Arbeit geworden ist, seine Literatur auf die Spitze. Ein Faszinosum ist sein Textmonolith. Und wenn die Erinnerung an seine Biografie, die Erzählung und Fabel seines Lebens verblasst, bleibt immer die Kraft seiner Poetologie. Das ist: diese literarische Zen-Meditation. Nichts festhalten, nichts erreichen wollen, in der Suche schon zu finden, mit dem Sprechen, mit dem Denken, mit dem Erinnerungsstrom eine Welt aus dem Allerinnersten hervorzuzaubern, im Scheitern zu reüssieren. „Wenn meine Schriften, die an die Stelle meiner Erinnerung treten, schon nicht verhindern können, dass ich verlösche, so ist ihre Funktion in dieser Hinsicht von dem Augenblick an vollends nichtig, wo auch sie selbst aus meinem Gedächtnis verschwinden, wie dies heute der Fall ist. Ein weißer Rabe, das wäre der bündige, unvergessliche Satz der – in destillierter Form – wenigstens das Wesentliche enthielte…“

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Falk Schornstheimer

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