Spaghetti mit Tomatensoße

Ich habe eine gute Freundin, deren Spezialität es ist, eben mal schnell einen Tomatensugo zur Pasta zu kochen. Also gibt es immer, wenn wir uns sehen, Spaghetti mit Tomatensoße.
Natürlich kann das toll schmecken mit frischem Parmesan und Basilikum, dazu einen tief-dunkel Roten, die Tomaten frisch, schmecken nach was und alles ist…natürlich mit Liebe zubereitet. Ja, wenn’s nicht immer dasselbe wäre.

Aus Italien wissen wir ja, dass Pasta al Pomodoro eher ein Primo Piatto ist, eine Sättigungsbeilage zwischen appetitanregender Vorspeise und dem eigentlichen Hauptgericht. Das Essen also eher als Symphonie in mehreren Sätzen, aufeinander abgestimmt und sich steigernd. Nicht so sehr eine Kammermusik, vor allem nicht immer ein dieselbe Kammermusik. Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich will auch nicht undankbar erscheinen. Ich bin froh und glücklich, wenn ich bei meiner Freundin etwas zu essen bekomme und wenn es ein so frisches, anregendes Gericht ist, das auch noch mediterrane Gefühle aufkommen lässt.

Aber ein bisschen frustriert bin ich schon, wenn ich mit einer Abwechslung gerechnet habe und sie wieder nur zur Tomatensoße kam, weil keine Zeit war und auch die Ideen knapp. Und neulich erst ist mir plötzlich eingefallen, was ich außer kulinarischen Einwänden gegen Spaghetti mit Tomatensoße habe. Sie machen mir Angst, ja richtige German Angst, weil…ich meine, das drängt sich doch auf: sie sind eine Metapher! Das Leben als Spaghetti mit Tomatensoße. Wie viele Zeitgenossen führen ihr Leben auf Spaghetti-mit-Tomatensoße-Basis?

Keine Ideen und keine Zeit für was Besonderes, es muss schnell gehen, soll wenig Arbeit machen, nicht anstrengen und allen recht sein, die Zutaten hat man im Haus, planen und einkaufen muss man nicht, es soll satt machen und darf nicht viel kosten, soll nicht schwer im Magen liegen und sich leicht aufwärmen lassen. Oh, Gott! Das Leben ein Pasta-Gericht? Und doch ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Je mehr ich meine Umgebung beobachte und zuhöre, desto sicher werde ich: die Eigenschaften dieses Gerichts müssen zur Erklärung des Lebens herhalten. Seitdem mir das klar geworden ist, Freunde, koche ich keine Spaghetti mit Tomatensoße mehr – und essen tue ich sie nur unter Protest, wenn ich bei meiner Freundin eingeladen bin.

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Falk Schornstheimer

Über dieses Blog

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Auf diese Spurensuche begibt sich dieses Blog. Die Absicht ist: Heterogenes auf Zusammenhänge zu befragen, sich zu verirren, um etwas Unverhofftes zu finden, Umwege zu machen, um anzukommen, ins Gegenlicht zu blinzeln, um Konturen besser wahrnehmen zu können.
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