Zum Glück

Ziemlich jede zweite Brigitte- und Cosmopolitan-Ausgabe ventiliert auf pastellfarbenen, weichgezeichneten Bildstrecken das Thema Sinn des Lebens und die Frage Was ist Glück. Glücksratgeber sind Bestseller. Das Buch und der Film Eat Pray Love haben Millionen erreicht. Auch über das Gegenteil wurde nachgedacht. Über das Unglücklichsein und seinen Nutzen hat Wilhelm Schmid, ein Experte in der Philosophie der Lebenskunst, eine beeindruckende Ermutigung geschrieben. Ihm ist zumindest schon mal die inhaltliche Trennung von Sinn und Glück zu verdanken. Leben verlangt nach Sinn; die Frage des Glücks und inwiefern es Sinn stiften kann, ist eine ganz andere. Kurzum, was Glück bedeuten kann und wie man es erringt – ob es überhaupt möglich ist, Glück aus dem „Schicksal“ hervorzukitzeln – geht meist in tautologischen Erklärungen auf: Der Sinn des Lebens sei es, glücklich zu sein. Glücklich werde, wer Sinn im Dasein erfahre. Nicht sehr hilfreich, oder?
An diesem Punkt bin ich über einen Klassiker der philosophischen Literatur gestolpert und war unmittelbar tief berührt:
Eine Szene von Kraft und Eindrücklichkeit. Ein Mann ist tief verzweifelt. Er sitzt im Gefängnis und erwartet seine Hinrichtung. Er sieht dem unausweichlichen Tod entgegen. Da erscheint ihm plötzlich eine Frauengestalt und beginnt ihm zuzureden. Sie tröstet ihn. Arznei, also Linderung, sei mehr am Platz als Klage. Die Ärztin, die sich als staunenswert klug entpuppt, ist die Philosophie.
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So beginnt ein uralter philosophischer Traktat, der dem Leben des Autors abgerungen ist. Der spätantike Gelehrte, Philosoph und Theologe Boëthius (um 480 bis 526), der am Hofe des Gotenkönigs Theoderich in Ravenna in verschiedenen hohen politischen Ämtern wirkte, ist einer der herausragenden Geister seiner Zeit. Neben politischem Einfluss als hoher Ministerialer verfügt er über beachtliche Breitenwirkung als Publizist. Auf praktisch allen relevanten akademischen Gebieten tritt er hervor. Er schreibt über Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie, Philosophie Theologie – und Dichtung. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wird er unvermittelt und überraschend Opfer einer Verschwörung. Man klagt ihn des Hochverrats an. Mit dem Gerichtsverfahren gibt sich der Staatsapparat anscheinend nicht viel Mühe. Er wird rasch zum Tode verurteilt, sein Vermögen konfisziert, seine Familie entrechtet und verfolgt. Die Fallhöhe ist ungeheuer. Vielleicht ein antiker Fall Timoschenko.
Im Kerker nun denkt er über alles nach, was ihm zugestoßen ist. Er ist tief deprimiert – wer könnte es ihm verdenken – „wer so stürzte“, resümiert er, „der stand niemals auf sicherem Fuß“. Von seiner Lehrmeisterin, der Frau Philosophie, erhofft er sich Rat und gedankliche Stütze. Er muss sein Schicksal erfassen lernen, er sucht Unterstützung bei der Einordnung. Warum ihm das? Wie konnte das Glück ihn nur verlassen? Mit welchem Recht straft das Schicksal ihn und dann auch noch unverhältnismäßig?
Die Philosophie wendet sich ihrem Schützling und Schüler zu und spricht. Doch anstatt ihn zu bedauern – schimpft sie mit ihm: Wenn Boëthius meine, auf das Glück (immer hin Frau Fortuna, eine Kollegin der Philosophie) zornig sein zu können, weil sie ihn verlassen habe, dann irre er gewaltig. Dem Glück Unbeständigkeit, Wandelbarkeit, vorzuwerfen ist geradezu töricht. In seiner Wandelbarkeit zeigt es doch gerade seine Beständigkeit. Die Natur des Glücksrades ist es, von unten nach oben zu schaufeln und dann wieder hinab. So plötzlich wie sich Fortuna einem Menschen günstig zuneigt, so schnell kann er von ihr wieder verlassen werden.
Die Philosophie redet sich als Verteidigerin ihrer Genossin richtig in Rage. Nackt und schreiend sei Boëthius aus dem Mutterleib gezogen worden und verdanke alles, was er in seinem an Ämtern, Ehren und materiellen Gütern reichen Leben errungen habe, dem Glück. Also dürfe er sich jetzt nicht beschweren, sondern müsse für das Gehabte immer noch dankbar sein.
Und überhaupt, man müsse doch erst mal definieren, was eigentlich wahres Glück wirklich ist. Und was sie dann ausbreitet, die Frau Philosophie, ist eine philosophische Glückslehre der Güteklasse. Eine Erörterung, über die Frage „was ist Glück?“, die es in sich hat. Die Medizin der Philosophie beginnt in dem Gefangenen zu wirken. Er denkt mit und fragt nach.
Ist Reichtum Glück? Sind es Würde und Ansehen? Herrschaft? Findet sich Glück im Ruhm oder gar der Wollust? Begriffe, die heute ohne weiteres noch gelten und allenfalls ergänzt werden können um Karriere, beruflichen Erfolg, die üblichen Statussymbole wie mein Haus, mein Pferd, meine Yacht. Kommt, wenn man sie hat, dann endlich das Glück? Die kluge Philosophie dekliniert jede Kategorie logisch durch und weist nach, dass keine von ihnen die wahre Glückseligkeit verheißt – sonst müssten wir im Bereich der Wollust die Tiere (Kaninchen, Bonobos usw.) für am glücklichsten halten.

Wahre Glückseligkeit besteht tatsächlich darin, das Gute zu tun. „Also ist die Summe und Ursache alles Erstrebenswerten das Gute.“ Das Gute zu tun, dem Guten zu folgen, lässt den Menschen erst wahrhaft sein, zu einer Existenz werden (den Schlechten gesteht die Philosophie nur eine Schein- und Schattenexistenz zu) und macht ihn gleichzeitig göttlich. Die Argumentation ist vereinfacht folgende: Eine Gottheit, das Größte, Höchste, Weiseste, ist qua seiner Vollkommenheit glücklich. Wenn die wahre Glückseligkeit daraus folgt, das Gute zu tun, ist der Mensch, der diesem Weg folgt und gut handelt, glückselig. Ein glückseliger Mensch aber teilt mit der Gottheit diese Eigenschaft der Glückseligkeit, also ist er selbst göttlich. Der Lohn der Guten ist es, selber Götter zu werden. Eine herrlich syllogistische Argumentation, wie sie für die Hochscholastik des Mittelalters dann bestimmend wird.
Schön ist dabei der Unterschied zum Christentum (Boëthius war zwar Christ, aber gedanklich noch von Platonismus und Neuplatonismus geprägt): Der Mensch soll nicht das Gute tun, um sich einen Platz im Himmelreich zu sichern, also Gott zu gefallen. Sondern er wird selber ein Gott, wenn er glücklich dadurch wird, dass er gut handelt. Was für eine mächtige Idee!

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Falk Schornstheimer

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